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Bangkok-Charta 2005

Einleitung
 
Aufgabenstellung
Die Bangkok Charta beschreibt die nötigen Maßnahmen, Verpflichtungen und Forderungen, um Gesundheitsdeterminanten in einer globalisierten Welt mittels Gesundheitsförderung beeinflussen zu können.
 
Zielsetzung
Die Bangkok Charta betont nachdrücklich, dass strategische Orientierungen und Partnerschaften, die zum Empowerment von Gemeinschaften sowie zur Verbesserung der Gesundheit und der gesundheitlichen Chancengleichheit beitragen, im Zentrum weltweiter und nationaler Entwicklungen stehen sollten.

Die Bangkok Charta versteht sich als Ergänzung und Weiterentwicklung der Werte, Prinzipien und Handlungsstrategien der Gesundheitsförderung, wie sie durch die Ottawa Charta für Gesundheitsförderung und in den Empfehlungen der nachfolgenden Weltgesundheitsförderungskonferenzen festgeschrieben und von den Mitgliedsstaaten durch die Weltgesundheitsversammlung bestätigt wurden.

Zielgruppen
Die Bangkok Charta richtet sich an Personen, Gruppen und Organisationen, die eine wesentliche Rolle für das Erreichen von Gesundheit spielen, einschließlich
  • Regierungen und Politiker auf allen Ebenen,
  • der Zivilgesellschaft,
  • des Privatsektors,
  • internationaler Organisationen und
  • des öffentlichen Gesundheitswesens.
Gesundheitsförderung

Die Vereinten Nationen erkennen an, dass das Erreichen des höchstmöglichen Gesundheitsstandards eines der fundamentalen Rechte aller Menschen ohne Unterschied darstellt.

Gesundheitsförderung basiert auf diesem wesentlichen Menschenrecht. Dieses positive und umfassende Konzept begreift Gesundheit als einen Bestimmungsfaktor für Lebensqualität einschließlich des psychischen und geistigen Wohlbefindens. Gesundheitsförderung ist der Prozess, Menschen zu befähigen, die Kontrolle über ihre Gesundheit und deren Determinanten zu erhöhen und dadurch ihre Gesundheit zu verbessern. Gesundheitsförderung ist eine Kernaufgabe der öffentlichen Gesundheit und trägt zur Bekämpfung übertragbarer wie nicht übertragbarer Krankheiten sowie zur Eindämmung anderer Gesundheitsgefährdungen bei.

Determinanten der Gesundheit beeinflussen

Veränderter Kontext
Der globale Kontext der Gesundheitsförderung hat sich seit der Entwicklung der Ottawa Charta wesentlich verändert.

Hauptfaktoren
Einige der Hauptfaktoren, die Gesundheit heute beeinflussen, sind:
  • Zunehmende Ungleichheiten innerhalb und zwischen Ländern,
  • neue Konsum- und Kommunikationsmuster,
  • Kommerzialisierung,
  • globale Umweltveränderungen und
  • Verstädterung.

Weitere Herausforderungen
Andere Faktoren, die die Gesundheit beeinflussen, sind rasche und häufig ungünstige soziale, ökonomische und demografische Veränderungen, welche die Arbeitsbedingungen, das Lernumfeld, Familienstrukturen und den kulturellen und sozialen Aufbau von Gemeinschaften beeinträchtigen.

Frauen und Männer sind von diesen Entwicklungen unterschiedlich betroffen. Die Gefährdung von Kindern, die Ausgrenzung von Minderheiten, von Menschen mit Behinderungen sowie von Indigenen hat zugenommen.

Neue Herausforderungen
Globalisierung eröffnet neue Möglichkeiten der Kooperation zur Gesundheitsverbesserung und zur Reduzierung grenzüberschreitender Gesundheitsrisiken; diese Möglichkeiten beinhalten:
  • erweiterte Informations- und Kommunikationstechnologie und
  • verbesserte globale Führungsmechanismen und Möglichkeiten des Erfahrungsaustauschs.

Abgestimmte Politik
Um den Herausforderungen der Globalisierung begegnen zu können, müssen Vorgehensweisen quer durch alle Bereiche aufeinander abgestimmt werden. Dies umfasst
  • Regierungsebenen,
  • Körperschaften der Vereinten Nationen und
  • andere Organisationen, einschließlich des Privatsektors.

Diese Abgestimmtheit soll die Einhaltung, Transparenz und Übernahme von Verantwortung für gesundheitsrelevante internationale Vereinbarungen und Verträge verstärken.

Erzielte Fortschritte
Es ist ein Fortschritt, dass Gesundheit bereits verstärkt ins Zentrum der Entwicklung gerückt werden konnte, etwa durch die Entwicklungsziele für das 21. Jahrhundert (Millenium Development Goals), aber es muss noch viel mehr erreicht werden. Die aktive Beteiligung der Zivilgesellschaft an diesem Prozess ist dafür von grundlegender Bedeutung.
 
Strategien für Gesundheitsförderung in einer globalisierten Welt

Effektive Maßnahmen
Für weitere Fortschritte in Richtung einer gesünderen Welt braucht es starke politische Maßnahmen, breite Beteiligung und dauerhafte Interessensvertretung.

Die Gesundheitsförderung verfügt über ein bewährte Palette an nachgewiesen effizienten Strategien, die in ihrem gesamten Spektrum genutzt werden müssen.

Erforderliche Maßnahmen
Für weitere Fortschritte bei der Realisierung dieser Strategien müssen alle Sektoren und Settings Beiträge in folgenden Bereichen leisten:

Anwaltschaft für Gesundheit, basierend auf den Prinzipien der Menschenrechte und der Solidarität

Investition in nachhaltige Politik, Maßnahmen und Infrastrukturen zur Beeinflussung von Gesundheitsdeterminanten

Aufbau von Kapazitäten für die Entwicklung von Politiken, Führungsfunktionen, Gesundheitsförderungspraxis, Wissenstransfer und Forschung sowie Gesundheitsbildung und -kompetenz

Regulierung und Gesetzgebung zur Sicherung eines größtmöglichen Maßes an Schutz vor Beeinträchtigung und zur Ermöglichung von Chancengleichheit für Gesundheit und Wohlbefinden aller Menschen

Bildung von Partnerschaften und Allianzen zur Entwicklung nachhaltiger Maßnahmen mit öffentlichen, privaten, nichtstaatlichen und internationalen Organisationen sowie der Zivilgesellschaft.

Verpflichtung zur Gesundheit für Alle

Begründung
Dem Gesundheitssektor kommt eine Schlüsselrolle beim Aufbau von Strategien und Partnerschaften zur Gesundheitsförderung zu. Ein integrierter Politikansatz innerhalb von Regierungen und internationalen Organisationen sowie eine Verpflichtung zur Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft, dem Privatsektor und settingsübergreifend, sind wesentliche Voraussetzungen für Fortschritte bei der Beeinflussung von Gesundheitsdeterminanten.

Schlüsselfaktoren
Gesundheitsförderung muss in vier Schlüsselbereichen positioniert werden als:

1. Gesundheitsförderung muss ein zentraler Punkt auf der globalen Agenda werden!

Zur Verbesserung der Gesundheit und der Gesundheitssicherungssysteme sind wirksame zwischenstaatliche Vereinbarungen erforderlich. Regierungen und internationale Organisationen müssen gemeinsam handeln, um die ungleichen Gesundheitschancen zwischen Arm und Reich zu überbrücken. Die Bekämpfung der negativen Auswirkungen von

  • Handel,
  • Produkten,
  • Dienstleistungen und
  • Marketingstrategien

erfordert effektive Mechanismen der globalen Steuerung für Gesundheit.

Gesundheitsförderung muss integraler Bestandteil von Innen- und Außenpolitik und internationalen Beziehungen werden, auch in Konflikten und Kriegen.

Dafür braucht es Maßnahmen der Förderung von Dialog und Zusammenarbeit zwischen den Nationalstaaten, der Zivilgesellschaft und dem Privatsektor. Diese Bemühungen können auf Beispiele bestehender Verträge wie z.B. der WHO-Rahmenvereinbarung zur Tabakkontrolle aufbauen.

2. Gesundheitsförderung muss zu einer wesentlichen Verantwortung aller Regierungsebenen werden

Alle Regierungen aller Ebenen müssen Gesundheitsmängel und gesundheitliche Ungleichheiten mit größter Dringlichkeit behandeln, weil Gesundheit eine wesentliche Determinante sozio-ökonomischer und politischer Entwicklungsmöglichkeiten darstellt. Lokale, Regionale und Nationale Regierungen müssen daher:

  • Investitionen in Gesundheit priorisieren, und zwar innerhalb und außerhalb des Gesundheitswesens,
  • eine nachhaltige Finanzierungsbasis zur Gesundheitsförderung zur Verfügung stellen.

Um dies sicherzustellen, sollten alle Regierungsebenen die Gesundheitskonsequenzen von Politik und Gesetzgebung mit Hilfe von Werkzeugen wie Health Impact Assessments überprüfen und sichtbar machen, und zwar mit einem expliziten Fokus auf Gleichheit / Ungleichheit.

3. Gesundheitsförderung muss zu einem wesentlichen Kernbereich von Gemeinschaften und Zivilgesellschaft werden

Gemeinschaften und Zivilgesellschaft haben oft eine führende Rolle in der Initiierung, Gestaltung und Durchführung von Gesundheitsförderungsmaßnahmen. Sie brauchen die Rechte, Ressourcen und Möglichkeiten, mit deren Hilfe ihre Beiträge nachhaltig ausgeweitet werden können. Unterstützung beim Aufbau von Kapazitäten ist hier insbesondere in weniger entwickelten Gemeinschaften wichtig.

Gut organisierte und befähigte Gemeinschaften sind hocheffizient in der Bestimmung ihrer eigenen Gesundheit, und sie sind in der Lage, Regierungen und den Privatsektor für die Gesundheitskonsequenzen ihrer Politik und Handlungen zur Verantwortung zu ziehen.

Die Zivilgesellschaften müssen ihre Marktmacht ausüben, indem sie Güter, Dienstleistungen und Beteiligungen an Unternehmen vorziehen, welche soziale Verantwortung übernehmen.

Bürgernahe Gemeindeprojekte, Bürgerinitiativen und Frauengruppen haben ihre Fähigkeit zu effektivem Handeln auf dem Gebiet der Gesundheitsförderung bewiesen und stellen Modelle guter Praxis für weitere Aktivisten dar. Berufsverbände im Gesundheitswesen haben hier einen besonderen Beitrag zu leisten.

4. Gesundheitsförderung muss ein Verantwortungsbereich guter Unternehmensführung werden

Der Privatsektor hat direkte Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen sowie deren Determinanten durch seinen Einfluss auf:

  • die lokale Umgebung,
  • nationale Kulturen,
  • die Umwelt und
  • die Verteilung des Wohlstands.

Der Privatsektor trägt wie andere Arbeitgeber und der informelle Sektor Verantwortung für die Sicherstellung gesunder und sicherer Arbeitsplätze, die Förderung von Gesundheit und Wohlergehen seiner Arbeitnehmer, deren Familien und der Gemeinschaft.

Durch Einhaltung von lokalen, nationalen und internationalen Regeln und Vereinbarungen zur Förderung und zum Schutz der Gesundheit kann der Privatsektor auch zur Verringerung weiterreichender globaler Gesundheitsauswirkungen beitragen, wie etwa jener, die im Zusammenhang mit globalen Umweltveränderungen entstehen.

Ethische und verantwortungsvolle Geschäftsgebaren und Fair Trade sind Bespiele einer Unternehmensführung, die von Konsumenten und der Zivilgesellschaft, von staatlichen Anreizsystemen und Regelungen unterstützt werden sollten.

Eine globale Forderung zur Umsetzung

Alle für Gesundheit
Die Umsetzung dieser Verpflichtungen erfordert eine bessere Anwendung bewährter Strategien sowie die Eröffnung neuer Zugänge und innovativer Ansätze.

Partnerschaften, Allianzen, Netzwerke und andere Kooperationsformen bieten reizvolle und vielversprechende Möglichkeiten, Menschen und Organisationen für gemeinsame Ziele und Handlungen zur Gesundheitsverbesserung für die Bevölkerung zusammenzubringen.

Jeder Sektor – im zwischenstaatlichen, staatlichen, zivilgesellschaftlichen und privaten Bereich – hat hierin seine einzigartige Rolle und Verantwortung.

Die Umsetzungslücke schließen
Seit Verabschiedung der Ottawa Charta wurde auf nationaler und globaler Ebene eine bemerkenswerte Anzahl von Gesundheitsförderungsresolutionen unterzeichnet, aber nicht immer folgten darauf konkrete Maßnahmen. Die Teilnehmer/innen dieser Bangkok-Konferenz ersuchen die Mitgliedsstaaten und die WHO ausdrücklich, diese Umsetzungslücke zu schließen und den Schritt in Richtung handlungsorientierter Politiken und Partnerschaften zu gehen.

Aufforderung zum Handeln
Die Konferenzteilnehmer/innen fordern von der WHO und ihren Mitgliedsstaaten, dass sie zusammen mit Anderen, Ressourcen zur Gesundheitsförderung zur Verfügung stellen, Aktionspläne initiieren, deren Durchführung anhand geeigneter Indikatoren und Zielvorgaben überprüfen sowie regelmäßig über Fortschritte berichten. Die Organisationen der Vereinten Nationen sind aufgefordert, die Vorteile der Entwicklung eines globalen Gesundheitsvertrages zu prüfen.
 
Weltweite Partnerschaft
Die Bangkok-Charta ermahnt alle Beteiligten und Betroffenen, sich der weltweiten Partnerschaft für Gesundheitsförderung sowohl durch globales als auch lokales Engagement und Handeln anzuschließen.

Engagement zur Förderung von Gesundheit
Wir, die Teilnehmer/innen der 6. Weltkonferenz für Gesundheitsförderung in Bangkok, Thailand, ersuchen, diese Verpflichtungen für die Verbesserung von Gesundheit zu unterstützen.

11. August 2005

Hinweis: Diese Charta stellt die kollektive Sichtweise einer internationalen Gruppe von Expert/innen dar, die an der 6. Weltkonferenz für Gesundheitsförderung in Bangkok, Thailand, August 2005, teilgenommen haben. Sie gibt nicht notwendigerweise die Entscheidungen oder die explizite Politik der WHO wieder.




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